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Ende der freien Wissenschaft?

harry

Well-known member
Heute (21.08.2014) fand ich auf der Webseite des ORF folgende Aussagen des österreichischen Wirtschafts- und Wissenschafts(?)-Ministers Reinhold Mitterlehner: Er kündigt eine Art "Bedarfserhebung" an - welche Fächer sind gefragt und zwar aus Sicht des Arbeitsmarktes und der Gesellschaft. Einbezogen werden sollen unter anderem Kammern, Industriellenvereinigung und Interessensvertretungen.:verdaecht
Ist das das Ende der humanistischen Bildung? Ist ein Zweig der Wissenschaft nur dann interessant, wenn er einen wirtschaftlichen Nutzen bringt? Werden Fächer, wie Literaturwissenschaften, Ethnologie, Sozialwissenschaften, Kunstgeschichte oder altphilologische Fächer einfach von den Universitäten "weg rationalisiert"?
Mir ist zum :smi_heult und zum :kotz:
 
Da gibt es ja auch schon seit längerem den abwertenden Ausdruck: Orchideenfach.
Alles eine Kosten-Nutzen-Rechnung und nutzen soll es vor allem der Wirtschaft, nicht den Menschen.
Natürlich hängt das zusammen, so naiv ist ja keiner, nicht zu sehen, dass der Mensch von seinem Einkommen lebt, aber eben nicht nur und das ist scheinbar Sand im Getriebe, es sei denn,man investiert in die sogenannte Freizeitindustrie.
 
Latein als zwar "tote" Sprache soll auch nicht mehr Pflicht für bestimmte
Berufe sein. Es ist wohl sogar bei uns in den Bundesländern nicht
einheitlich, das finde ich nicht in Ordnung. -Ulrike
 
Wer ist DIE Wirtschaft? Sind es die Geister die wir riefen? Nichts Menschliches?

Die Wirtschaft, der Staat - alles sind WIR. Und sehr menschlich: die Gier nach mehr. Nur hat sie sich mittlerweile verselbstständigt. Erinnert mich an den Dialog des Jedermann mit Mammon:

Jedermann
Hab dich gehabt zu meim Befehl.

Mammon
Und ich regiert in deiner Seel.

Jedermann
Warst mir zu Diensten in Haus und Gassen.

Mammon
Ja, dich am Schnürl tanzen lassen.

Jedermann
Warst mein leibeigner Knecht und Sklav.

Mammon
Nein, du mein Hampelmann, recht brav.

usw. ;)
 
Eine solche Entwicklung war zu erwarten, nachdem völlig unsinnigerweise die Wissenschaft einem Ressort unterstellt wurde, dessen Leitlinie die "Wirtschaftlichkeit" ist.

Ich persönlich habe zu den Betriebswirten in fachlicher Hinsicht kein sehr gutes Verhältnis, denn nach meiner persönlichen Einschätzung können diese nach einem relativ einfachen Studium gerade mal Excel bedienen und dort auch nur Summen vergleichen ;) Dafür können sie aber mit diesen einfachen Excel-Ergebnissen ohne jegliche Hintergrundinformationen Bahnlinien stilllegen, Sozialleistungen abschaffen, Pensionsantrittsalter auf 75 hochschrauben und vielen ähnlichen Unfug anstellen, ohne in ihrer dummen Tabelle die sozialen und gesellschaftlichen Vernetzungen und Schäden zu erkennen, denn dafür ist Excel ein völlig ungeeignetes viel zu simples Rechenprogramm.

Leider haben in der momentanen Gesellschaft Grundlagenfächer wie Geisteswissenschaften und Kulturwissenschaften derzeit eine schlechte und schwierige Akzeptanz. Und in der oben angesprochenen Excel-Tabelle kommt auf den ersten Blick des Betriebswirten in der Summe eine Null heraus, damit kann dieser nichts anfangen, seine Handlungen werden zum roten Sparstift kommen, wie sich im ersten Beitrag zeigt.

Dass aber für einen Betriebswirten das Verständnis von geisteswissenschaftlicher Grundlagenforschung, von Analyse und Vernetzung in der Gesellschaft eine zu schwierige Herausforderung ist, die sich nicht in Zahlen oder eben in einer Excel-Tabelle ausdrücken lässt, muss fast befürchtet werden. Dass geisteswissenschaftliche Erkenntnisse unsere Zivilisation durchaus mit-ausmachen und dass die neuen Herausforderungen an unsere Gesellschaft, seien es multikulturelle Veränderungen oder seien es neue Technologien oder vieles andere mehr auch eine philosophische Betreuung zu deren Bewältigung brauchen, lässt sich zwar auf Anhieb nicht in simplen Zahlen ausdrücken, wird aber von der Gesellschaft sowohl als Spiegel als auch als Unterstützung benötigt.

In diesem Sinne kann ich nur hoffen, dass jeglicher Gedanke an Kürzungen von Grundlagenwissenschaft sehr schnell wieder zurückgezogen wird.

Wolfgang (SAGEN.at)
 
Mythos der freien Wissenschaft

Ja, der Mythos von den "freien Wissenschaften" - von was sind sie eigentlich frei?

Es ist wohl eine der am meisten verbreiteten Fiktionen, dass in der bürgerlichen Gesellschaft Geisteswissenschaften frei und unabhhängig von ihrem Umfeld sind und sich allein den hehren Zielen wissnschaftlichen Seins verpflichtet fühlen.

Nein, auch der Geisteswissenschaftler lebt nicht von der Luft allein.
War es im Sozialismus die Disziplinierung durch eine Ideologie (was übrigens auch offen betont wurde!), so ist es im Kapitalismus das Diktat des schnöden Mammons, des Kapitals - sowohl wenn es an Kapital fehlt, als auch wenn Kapital für Forschungsprojekte in Aussicht gestellt wird. Da braucht es dann auch keiner zusätzlichen ideologischen Disziplinierung, das wirkt ausgezeichnet von selbst.

So kommt es halt, dass zutiefst wissenschaftliche Studien z.B. zum Mindestlohn diametral entgegengestzte Ergebnisse liefern - abhängig davon, ob sie vom DGB oder vom HDI bezahlt werden. Wohlgemerkt: Studien von absolut ausgewiesenen Experten, Professoren, die mindestens Lehrstuhlinhaber und / oder Institutsdirektoren sind.
Bilde man sich selbst seine Meinung darüber. Oder auch darüber, was z.B die Resultate des Handelns politischer Mandatsträger - die ja auch von geisteswissenschaftlichen Expertengremien beraten werden - derzeit auf außenpolitischem Gebiet sind ...
Wess Brot ich ess, dess Lied ich sing ...

Natürlich ist jeder geisteswissenschaftliche Lehrstuhl bestrebt, die Notwendigkeit seiner Existenz nachzuweisen und da ist es teilweise schon amüsant, was zu den Berufsaussichten der Absolventen geschrieben wird (dazu gibt es hier im Forum bereits ein eigenes Thema, in dem ich mich dazu bereits ausführlich geäußert habe).
Natürlich gibt auch keine Uni gern etwas ab - man ist ja Volluni und da muss man halt möglichst alle Fächer haben, die es gibt - völlig egal, was aus den Absolventen wird. Natürlich bietet gerade dann auch nur die jeweilige eigene Uni die besten Bedingungen für solch ein Studium ...

Sicher stellt dies nicht die geisteswissenschaftliche Ausbildung generell in Frage, erlaubt sei aber dennoch die Untersuchung, wie viel davon eine Gesellschaft wirklich braucht - ebenso wie viele Mediziner, Informatiker, Ingenieure sie benötigt.

Man kann man auch mit Begriffen wie von denen der "freien Wissenschaft" Bewegungsgesetze einer Gesellschaft nicht aushebeln - auch der Geistesarbeiter bietet seine Arbeitskraft genauso wie der Fließbandarbeiter im Autowerk, der Mediziner, der Ingenieur auf dem Arbeitsmarkt an. Angebot und Nachfrage, nichts anderes regelt das.

Eine ganz einfache Frage für jeden Studienabsolventen: womit verdiene ich die nächsten 45 Jahre meine Brötchen. Fragen über Fragen - und keine Antworten.

Geschrieben von einem (ehemaligen) Geistesarbeiter, der seine Ausbildung in Springers Gänsefüßchenland erhalten hat und seither viel über viele Dinge nachgedacht hat.
 
Zuletzt bearbeitet:
Deine Ansicht, Dresdner, mag auf kurze Sicht durchaus richtig sein. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass Fachidioten (verzeih mir bitte das böse Wort) die Welt kein Jota weiter bringen. Mit Wissen alleine ist's nicht getan. es braucht auch Bildung.
Ein Mathematiker, der durch den Wald geht, sich ein Blatt genau ansieht und nur Fraktale sieht, täte mir leid. - Tut mir leid.
 
Da gebe ich dir völlig recht, harry.

Deswegen habe ich ja auch geschrieben
Sicher stellt dies nicht die geisteswissenschaftliche Ausbildung generell in Frage, erlaubt sei aber dennoch die Untersuchung, wie viel davon eine Gesellschaft wirklich braucht - ebenso wie viele Mediziner, Informatiker, Ingenieure sie benötigt.

Wobei es für das "wirklich braucht" kein objektives Kriterium gibt.
Zumindest aber bei weitem nicht in der Anzahl, wie Absolventen dieser Fachrichtungen Jahr für Jahr die Universitäten verlassen und auf einen Arbeitsmarkt drängen, der einfach nicht da ist.
 
erlaubt sei aber dennoch die Untersuchung, wie viel davon eine Gesellschaft wirklich braucht - ebenso wie viele Mediziner, Informatiker, Ingenieure sie benötigt.

Solcherlei Untersuchungen gehen praktisch in der Regel massiv daneben!
Ich persönlich verfolge Politik relativ wenig, habe aber am Rand mitbekommen, dass in Österreich in den letzten Jahren solche Bedarfserhebungen etwa bei Ärzten, Lehrern und ähnlichen Berufen mit entsprechenden Regulativen in der Ausbildungsquote gemacht wurden mit dem Ergebnis dass nun ein gravierender Ärzte- und Lehrermangel vorliegt...

und auf einen Arbeitsmarkt drängen, der einfach nicht da ist

In dieser Aussage steckt leider ein Vorurteil von Dir!
Wie kommst Du darauf, dass der Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler nicht gegeben sei? Das ist Deine persönliche Vermutung, aber keinesfalls objektiv richtig!

Ich nenne an dieser Stelle nur zwei kleine Beispiele:

- von zwei der größten österreichischen Privatbetriebe die weltweit in ihrem Bereich Marktführer sind, der eine in der Glas/Kristallproduktion der andere in der Energydrink/Sportproduktion, habe ich schon mehrfach (mit einer gewissen Freude) gelesen, dass diese für die besten Positionen Absolventen von Geisteswissenschaften (incl. Sprachkenntnisse) den Betriebswirten und sonstigen Wirtschaftlern vorziehen.

- die Herausforderungen der nun wohl für jeden sichtbaren multikulturellen und globalen Gesellschaft benötigen dringendst sowohl in Sprachen als auch in Kulturverständnis fitte Geisteswissenschaftler und zwar in Zukunft in großer Anzahl. Mehr muss ich dazu wohl nicht sagen.

Wolfgang (SAGEN.at)
 
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