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Vater die Russen waren es

Dies ist ein Ausschnitt aus meinem geplanten Buch “Vater die Russen waren es“. Es ist gedacht zum nicht kommerziellen Gebrauch für meine Kinder und Nachkommen. Es soll an die Schrecken des 2-Weltkrieges erinnern als Mahnung: „Nie wieder Krieg!“
Es ist nicht beabsichtigt die Russen zu verunglimpfen. Im Gegenteil, die Sowjetunion wurde von Deutschland angegriffen und nicht umgekehrt.​

Erinnerungen aus dem Jahre 1945 in Halle/Saale

Der schwerste Luftangriff auf Halle war am Vormittag des Oster-Sonnabend 19 45.
669 Bombenopfer liegen auf meinem Friedhof begraben, ebenso viele fast auf jeden der anderen Friedhöfe, es waren wohl über 3000 Tote?
Im April wurde die Stadt Halle als Saalefestung befestigt. Im Norden, wo wir wohnten, ist die Stadt im Saaletal mit Porphyrfels eingesäumt. Diese Berghänge wurden mit schwerster
Artillerie bestückt, jeder Hügel mit leichten, schnell feuernden 2 cm Geschützen. Die Panzer-Jungens, es waren Jugendliche im Alter ab 14 Jahren in den Uniformen der HJ (Hitler Jugend), die stapelten riesige Mengen von Panzerfäusten hinter jede Luftschutzmauer.

Kurz, bevor die 104. amerikanische Division, die Timber Wölfe, die Stadt einschlossen, wurden die schweren Waffen zur Verteidigung der Reichshauptstadt abgezogen. Die Russen waren unter großen Verlusten über die Oder gedrungen und zur letzten Offensive in den Seelower Höhen gegen die Leibstandarte SS angetreten.
Sechs Jahre später war ich in jener Gegend als Erbauer von Stalinstadt.
Der Boden musste Meter für Meter sondiert und entmint werden. Jeden Tag gruben die Bagger Überreste von Soldaten aus. Sie lagen noch zwischen ihren Waffen und Munitionsvorräten.
Im Nahkampf erschlagen, denn ihre Schädel waren zertrümmert.

Am 14.April19 45 wurden sinnloserweise alle Brücken der Stadt gesprengt. Die größte und schönste Brücke, die Giebichenstein Brücke, auch.
Die Pioniere legten den Kanal der Brücke frei. Ich habe sie gezahlt, es waren 36 Stück, 5-Zentner-Sprengbomben, die man einbaute und elektrisch zusammenschaltete.
Nun wurde das ganze Stadtviertel gewarnt und aufgefordert in die Luftschutzkeller zu gehen und die Fenster zu öffnen.
Wir Jungens jedoch wollten unbedingt sehen, wie die Brücke in die Luft flog. So begaben wir uns an die Saale. Die Brücke war aber weiträumig abgesperrt.
Wir warteten etwa 400 Meter weiter, die Brücke konnten wir wegen einer Kurve nicht sehen.
Die Sprengkommandos ertönten mit Hornsignalen, dann bebte die Erde und Stille.
Wir rannten vor in dem Glauben, die Brücke ist nicht mehr. Wie staunten wir, sie stand unversehrt. Da kam ein deutscher Offizier mit Fahrrad. Er erschrak, als er uns Jungens sah, und trieb uns an zur Flucht, wir rannten um unser Leben. Jetzt, an einem Pumpenhäuschen angekommen, schmiss jener sein Fahrrad hin, zog uns brüllend: „volle Deckung!", hinter die Mauer.
Was wir meinten, es sei die Sprengung der Brücke gewesen, war nur eine Vorsprengung.
Jetzt aber entstand außer dem Detonationsdonner eine Druckwelle, wir waren geschult die Mäuler aufzureißen, damit die Lungen nicht platzen.
Wahnsinn! Die schweren Laternenmasten sausten wie Indianerpfeile durch die Luft. Vor uns wurden die eisernen Ufergeländer von herumfliegenden Betontrümmern, wie Zunder zerschlagen. Wir lagen sicher. Als es dann Stille wurde, es wurde Totenstille, war unsere Brücke nicht mehr.

Nun begann unser Melder da sein. Das Oberkommando der Wehrmacht zur
Verteidigung der Stadt, hatte sich in der Unterburg des Giebichenstein eingerichtet. Auf den Türmen der Umgebung, Burg Turm, Zoo Aussichtsturm, waren Artillerie-Beobachter stationiert. Zu und von diesen wurde in einer Art Stafetten lauf durch uns flinke Jungens, Verbindung gehalten.

Am 15. April begann der Sturm der Timber Wölfe und der Dakotas auf Halle vom Norden her.
Die Amerikaner stießen auf massive Gegenwehr, der Gauleiter Eggeling hatte sich in der Moritzburg in den Kasematten und Kellergewölben verschanzt. Waffen-SS-Einheiten hinderten auch die reguläre Armee am Rückzug,

Kapitulation wurde mit dem Tode bedroht.
Mc Allen zog seine Kampfverbände zurück und plante die völlige Bombardierung der Stadt oder die bedingungslose Kapitulation.

Es regnete Flugblätter.
In dieser schwierigen Situation, das Schicksal Dresdens vom 13.Februar, stand noch vor Augen, setzten die Verhandlungen unter Führung des Grafen Felix von Luckner ein, dem Seeteufel, wie ihn die Briten im I. Weltkrieg nannten,


Halle an der Saale, Perle unter den Städten Deutschlands
Vision und Wirklichkeit

Halle an der Saale ist unter den Großstädten der neuen fünf ostdeutschen Bundesländer nicht die unbedeutende Stadt, Sie ist vielmehr nach Leipzig, Dresden vor Magdeburg und Chemnitz die drittgrößte Großstadt (ohne Ostberlin) auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Es fällt jedoch auf, dass Halle in den Medien während der "Wende" sowie auch jetzt viel weniger genannt wurde und wird, als die erstgenannten Städte oder auch weniger als Erfurt oder Rostock.
Noch bevor in Leipzig im Schutze der Nicolaikirche die "Friedliche Revolution 19 89" begann, brannten die Kerzen, erst wenige und dann mehr und mehr, vor St. Georgen. In Halle fanden die ökumenischen Friedensgebete in der Marktkirche statt. Von hier gingen dann auch die "Montagsdemo" aus, an denen sich zehn tausende Bürger regelmäßig beteiligten. Um die Lage und den Ruf der Stadt verstehen zu können, muss man denn doch schon etwas in die Geschichte ausholen. Bedingt durch die industriellen Ballungsräume vor allen der Großchemie und des Braunkohlebergbaues war Halle in den 20er und 30er Jahren zum. "Roten Herzen" Mitteldeutschlands avanciert. Nach dem 19 32 ein Attentat auf Hitler fehlgeschlagen war, mied dieser fortan die Stadt. Als einzige Großstadt Deutschlands mit etwa 250 000 Einwohnern im Jahre 19 45 blieb sie fast unzerstört. Jedoch hing ihr Schicksal und damit das ihrer Bürger am berühmten seidenen Faden. Die deutsche militärische Führung beabsichtigte, gemäß dem Befehl Hitlers, die Stadt bis zum letzten Mann zu verteidigen. In jenen Apriltagen, am 14./15.19 45 entschied sich das Schicksal zu Gunsten der Stadt Halle. Nicht im Selbstlauf, sondern durch das mutige Engagement ihres damals in ihren Mauern lebenden prominentesten Bürgers, des Grafen Felix v. Luckner. Die Amerikaner beabsichtigten nicht kurz vor dem absehbaren Ende des 2.Weltkrieges in Deutschland, Berlin war schon eingeschlossen, noch weiteren Blutzoll ihrer Soldaten zu zahlen. Der Befehlshaber der 104. amerikanischen Division, genannt der "Timber Wolf", war General Terry Mc Allen. Er stellte Halle ein auf 6 Stunden befristetes Ultimatum der kampflosen Übergabe. Andernfalls die totale Zerstörung angedroht wurde. Das war keine leere Drohung. Bereitstanden 750 Bomber auf den umliegenden Flugplätzen, die bereits in der Hand der Amerikaner waren. Geplant waren im ersten Einsatz Bomben mit vierfacher Phosphorauslösung der erste derartige Einsatz und noch 2170 Bomben mit je vier Bomben zu 1000 kg, von denen die erste sofort, die zweite nach 10, die dritte und vierte nach 30 Minuten explodieren würde. Wäre dies ausgeführt worden, Halle, hätte es nach diesem Angriff nicht mehr gegeben. Als ein Flugblattregen am 13. April19 45 über die Stadt niederging, das Ultimatum der Amerikaner verkündend, machten

Im August zogen die Amerikaner ab und übergaben das Land von der Elbe bis an die Grenzen Bayern, Hessen und Niedersachsen, den Russen. Dies geschah gemäß des Potsdamer Abkommens von 19 45.







Das ganze Leben hatten wir Kinder junge Männer nur in Uniformen aller Waffengattungen gesehen.
So auch unsere Befreier, die Amerikaner. Engländer und Franzosen kannten wir nur als Kriegsgefangene in Uniformen ohne Hoheitsabzeichen.
Was jetzt kam, die Rote Armee, sie hieß damals noch so, sahen eher aus wie Marodeure, die ich aus den Geschichten des 30-Jährigen-Krieges kannte. Die Rotgardisten hatten alle geschorenen Köpfe, die den Gesamteindruck nicht verbesserten. Die Uniformen waren zerschlissen, speckig, oft dreckig. Die Fußbekleidung war so vielfältig wie die Gesichter von den schlitzäugigen Mongolen bis rundköpfigen Moskowiter.
Vom deutschen Kommissstiefel bis zum Lackstiefel eines Großgrundbesitzers und Patschkoren eines Kosaken, war alles vertreten.
Die Mäntel, es gab nur eine Größe aus braunem Tuch, waren den Soldaten auf den Leib geschnitten, was zu lang war, wurde abgeschnitten. An das Besäumen der Schnittstellen hatte wohl niemand nur im Traume dran gedacht. So hingen überall Fäden an den Schnittstellen der Mäntel herum.
Was noch ungewöhnlicher für uns war, der Proviant der Russen.
Mit den Panjewagen und alten US LKW kamen Herden von Kühen, Schafen, Ziegen und Pferden.
Man sah es den Tieren an, sie kamen weit her und waren durchweg oft nur Haut und Knochen.
Das war der Proviant der Russen ergänzt durch Mehl und Körner aller Art. Machorka und Prawda rundeten die Bedürfnisse ab.
Da ein Russe, wenn es ihm gut gehen soll nicht ohne sto gram auskommen kann, es ist einfach undenkbar, setzte ein Tauschhandel ein, allein mit dem Ziel, die siegreichen Helden des Großen Vaterländischen Krieges mit Wodka oder nur ähnlichem Fusel zu versorgen. Alles, was nur irgendwie alkoholische Prozente in sich hatte, wurde als Wodka bezeichnet und gesoffen.
Selbst Brennspiritus und Lösungsmittel waren vor den Russen nicht sicher, wichtig schienen nur die "Umdrehungen" zu sein, die man nach dem Genuss der Spirituosen empfand.
Das saftige Grün der Saale Wiesen und Auen verwandelte sich in wenigen Tagen in Flächen, als wenn die von einer Stampede der Bisons der Prärieindianer heimgesucht waren. So jedenfalls kannten wir aus den Trapperbüchern von vielen tausend Hufen zerstampfte ehemalige Weideflächen, die wir nie zu vor gesehen hatten.
Die Pferde liefen frei herum, konnten aber nicht weglaufen, denn die Hinterbeine waren zusammengebunden, angehobbelt waren sie. Auch solches Tun war mir aus Trapperbüchern bekannt. Steppen und Präriebewohner scheinen ähnliche Verhältnisse zu haben und ähnliche Methoden sie zu beherrschen. Nur ist ein deutsches Pferd ob aus Schlesien, Ostpreußen oder Sachsen stammend kein Mustang und ist die Methode der Weidung nicht gewöhnt und verletzten sich gefährlich. So waren die Pferde der Russen fast alle an den Fesseln der Hinterbeine wund.

Normale Verhältnisse
Es dauerte nicht lange, so hatten sich auch die Russen an normale Verhältnisse gewöhnt.
Man könnte lange diskutieren, was damals ein Russe als normal empfand. Wir jedenfalls fanden bald heraus, dass ein Russe seine Mütze weit hinter schiebt und dann meist besoffen ist und Unternehmungslustig, man ihm am gescheitesten aus dem Wege gehen sollte, wenn er die Mütze tief gezogen hat, dann er nichts zu saufen hat und deshalb böse ist. Solchen Russen man besonders schnell aus der Reichweite zu kommen, war unser alles höchste Gebot.

Wir lernten schnell ein Sprichwort und ein Gebet aus jener Zeit:

"Ein Russe, der nicht säuft, ein Motor, der nicht läuft, ein Händler, der die Butter ehrlich wiegt, dann liegt was schief."

"Lieber Gott schütze uns vor schlechten Frauen und Autos, welche die Russen bauen."

Solange die Russen Ausgang hatten, das war immerhin bis 19 51 etwa, gab es immer wieder Delikte wie Raub, Mord und Totschlag und Vergewaltigungen.
Danach wurden die Russen, jedenfalls die einfachen Soldaten rigoros weggesperrt. Es gab keinen Kontakt mit ihnen in beiden Richtungen.
Wenn Russen Soldaten Ausgang hatten, dann in einer Gruppe zu maximal 10 Mann in Begleitung eines Offiziers. Es handelte sich dann immer um eine Auszeichnung verdienter Soldaten.
Nur noch zwei Anekdoten aus jener Zeit, welche den Kulturstand der Besatzer jener Tage zuverlässig nachzeichnet und keineswegs ins Reich der Fabeln gehört.


Maschinist kaputt!
Ein Russe kommt zu einem Uhrmacher und möchte eine Uhr repariert haben. Zum Verständnis jener Tage, jeder Russe hatte an den Armen mehrere Uhren. Armbanduhren waren irgendwie ein Zeichen des Wohlstandes und des Ansehens des Besitzers. Die Uhren, wenn es noch so viele waren, mussten alle gehen. Eben diesem Russen war eine stehen geblieben.
Er spricht den Uhrmacher an im Befehlston: „Uhri kaputt, machen du ganz!" Der Uhrmacher beeilt sich die Uhr aufzumachen, der Russe guckt ihm dabei über die Schultern.
Der Deckel springt auf und siehe da, eine tote Laus liegt darunter. Der Russe spricht Verständnis voll: „Ah, Maschinist kaputt!" Er tippt zum Gruß an den Rand der Mütze mit zwei Fingern, würdigt der Uhr keines Blickes mehr und verlässt den Laden.

Zappzarapp Maschina
Die Offiziere brachten Ihre Familien mit nach Deutschland.
Sie belegten die schönsten Wohnviertel. So lernten sie Innenraum Toiletten mit Wasserspülung kennen.
Eine Russenfrau nahm stolz von so einer Wohnung Besitz.
Sie betrachtete die ganze Wohnung. Alles war so schön, so wunderbar.
Zu nächst schaute sie sich verständnislos in Bad und Toilette um. Was wohl das alles sei, möge sie gedacht haben.
Doch sie musste jetzt Kartoffeln kochen fiel ihr ein, der Mann wird ja gleichkommen. Ist nichts zu essen da, gibt es Schläge. Da plötzlich kam ihr die Erleuchtung, sie wusste jetzt, was das für ein Becken im Bad war mit der Kette und dem Griff.
Eilig trug sie die total verschmutzten Kartoffeln in die Toilette und schüttete sie ins Clo Becken und zog an der Kette. Wie erschrak die gute Frau, als das Wasser aus dem Spülbecken herabstürzte und ihre Kartoffeln auf nimmer wieder sehen weg spülte.
Sie rief verwundert und entsetzt:
„Zappzarapp Maschina!"
Was so viel heißt wie: "Diebstahl Automat."
Die erste Arbeit als der Mann kam war, mit dem Hammer das Porzellan Becken zerschlagen, den Spülkasten herunterreißen. Das Loch war ja noch da, wo man seine Notdurft verrichten konnte.

So tauschte durchaus in jener Epoche ein Russe ein Nagel neues Fahrrad, auf dem er nicht fahren konnte, bedenkenlos gegen ein uraltes, schrottreifes ein, wo er sah, da fuhr jemand einwandfrei damit. Er war bereit Gewalt anzuwenden, wenn dieser jemand nicht sofort bereit wäre, mit ihm zu tauschen.
Die Reihe der Episoden ließe sich fortsetzen auf hunderten von Seiten.


Wie schon erwähnt, das Frühjahr, der Sommer und der Herbst 19 45 waren einzigartig schön.
Im Nachhinein kaum zu verstehen, jedenfalls damals als Kinder, ein wunderbarer Sommer. Niemand gängelte uns, keine Angst mehr vor Sirenen, Fliegeralarm, Bomben, Tod und Zerstörungen. Dass wir wenig und nur es Einfachste zu essen hatten, ist verbürgt, doch gewichen vor den vielen, vielen neuen Eindrücken.

Lebensmittelrationen
Die Lebensmittelrationen waren unmittelbar nach Kriegsende regional sehr unterschiedlich. Sie verschlechterten sich mit dem Verbrauch der örtlichen Vorräte.

"Der neue Verteilungsplan"
Die Lebensmittelrationen für die 75. Zuteilungsperiode (30.4.-27.5.19 45)
1. Normalversorgungsberechtigte:
a) Erwachsene über 18 Jahre: 6800 g Brot, 1000 g Fleisch, 475 g Fett
b) Jugendliche von 6-18 Jahren: 8000 g Brot, 1200 g Fleisch, 725 g Fett
c) Kinder bis zu 6 Jahren: 4000 g Brot, 400 g Fleisch, 475 g Fett
Für alle Versorgungsberechtigten:
Nährmittel 300 g, Zucker 800 g, Käse 62,5 g, Brotaufstrich 750 g oder 375 g Zucker, Quark 125 g, Kaffee-Ersatz 125 g (...)

Der für die 73. Zuteilungsperiode aufgerufene Abschnitt über 100 g Butterschmalz kann nicht mehr beliefert werden und ist daher ungültig.
Tagesration nach der obigen Zuteilung:
Erwachsener: 245 g Brot, 36 g Fleisch und 17 g Fett
Jugendlicher: 280 g Brot, 43 g Fleisch und 25 g Fett
Kind: 145 g Brot, 15 g Fleisch und 17 g Fett (...)

Göttinger Mitteilungsblatt Nr.4 vom 28.April 19 45

PS: - beachte, dies war in einer von den westalliierten Besatzungszonen, in der sowjetischen Besatzungszone sah es noch "etwas anders" aus, wir wären froh gewesen diese Rationen zu bekommen...

So stand auch für uns Kinder immer auf der Tagesordnung nach etwas Essbarem oder nach Brennmaterial Ausschau zu halten. Wir waren immer unterwegs. Meistens gingen wir in den heißen Sommertagen baden. Auf dem Heimweg abends hatten wir immer das Thema, ob und wann unsere Väter nach Hause kommen würden. Ausnahmslos alle Väter waren, mussten in den Krieg.



Die ersten Kriegsgefangenen kehrten Heim
Dieser Krieg war ja nun aus. Waren im Kriege die Feldpostnachrichten kontinuierlich erfolgt, war jetzt völlige "Funkstille", niemand wusste was Genaues und das ist der Nährboden für wuchernde Gerüchte. In Bad Kreuznach, sickerte durch, ließen die Amerikaner die Kriegsgefangenen verhungern.
Die Franzosen sperrten die Deutschen in die Kohle- und Erzbergwerke, die Engländer und Amerikaner hielten die Kriegsgefangenen wie Sklaven auf den Farmen und Plantagen, hieß es.
Unser Vater war aber in Russland seit dem 14. Januar 19 45 vermisst. Die meisten anderen Väter waren zwar nicht vermisst gemeldet bis Kriegsende, doch niemand meldete sich, konnte sich nicht melden. Jeden Tag wurden Enthüllungen über die Massenmorde der Nazis an Juden und Regimegegnern bekannt. Die Vermutung lag nahe, man wird Vergeltung üben, die Kriegsgefangenen bis zur Erschöpfung arbeiten lassen und dann umbringen, vielleicht auch nicht und sie nur ihrem Schicksal überlassen. Wird jemals einer wiederkommen, war die bange Frage. Unsere Mutter war zuversichtlich, meinte aber, wir müssen etwas tun oder nicht tun. Gutes tun, Böses unterlassen und nicht dem Trend der Zeit folgen, wenn mich keiner erwischt, ist Diebstahl oder Betrug doch keine Sünde in dieser großen Not.
Man kann ja nur dem was stehlen, der was hat. Der aber etwas hat, kann es nur auf ungerechte Weise haben, war der logische Schluss und die Folgerung daraus, solange man nicht erwischt wird und man hat die Gelegenheit zu stehlen, soll man es auch tun, der Gerechtigkeit zu Liebe.
Die ersten Kriegsgefangenen kehrten Heim, wohl ab Juli 19 45. Es waren illegale Heimkehrer, die aus Kriegsgefangenenlager auf deutschem Boden oder in den westlichen Nachbarstaaten geflohen waren und sich die Teilung Deutschlands in vier Besatzungszonen zu Nutze machten. Einmal hier in der sowjetischen Besatzungszone lieferten die Russen diese Männer nicht wieder aus und nahmen sie auch nicht gefangen. Doch aus dem Osten hörte man nichts.
Wir beteten jeden Tag mit der Mutter für die Heimkehr unseres Vaters. Wir beteten nicht nur, also baten nicht allein, sondern schenkten Gott auch immer was, das war kein Plunder, es war immer wertvolles. Unsere Geschenke waren Versprechen der Mutter zu helfen, den vielen Flüchtlingen zu helfen, wo wir konnten. Speise und Trank zu teilen, wo immer jemand weniger hatte als wir und vieles andere mehr. Die Mutter glaubte nicht nur, sie wusste es und sagte es uns auch so: "Kinder, der liebe Gott braucht unsere Gaben nicht, das ist gewiss, er nimmt sie aber an wohlgefällig, weil sie freiwillig sind und glaubt nur, ach wisst doch, er wird sich nicht Lumpenlassen, wann auch immer, euren Vater schickt er nach Hause."
Teilten wir auch den Glauben und die Hoffnung der Mutter am Anfang, so verließ uns dieser Glaube immer mehr, je größer, verständiger wir wurden und nicht zu vergessen, viele Jahre vergingen.

Alle Väter kehrten Heim unserer Freunde. Brüderchen und Schwesterchen bekamen die Freunde auch paar hinter die Ohren, wenn sie ungehorsam waren. Unser Vater blieb weg. Nein, nicht nur das, im Laufe der Zeit stellten sich ehemalige Kameraden aus den Kriegsgefangenen Lagern der Sowjetunion vor, die glaubhaft bewiesen, dass sie mit unserem Vater zusammen waren. Sie berichteten der Mutter, dass ihr Willy mit an hoher Wahrscheinlichkeit grenzender Gewissheit seinem Leiden erlegen ist.
Sie bestellten Grüße von unserem Vater. Die Mutter nahm solche Nachrichten zur Kenntnis, befragte auch solche Boten nach Einzelheiten und interessierte sich für alle Details, doch an Vaters Tod, glaubte sie nicht, betet Kinder, er kommt, seid es gewiss, sagte sie immer wieder.
Vater kam noch lange nicht.



Am 1.September19 45 begann wieder die Schule.
Unser Peterchen kam zur Schule.
In seiner Zuckertüte, o, ja, er hatte eine riesige Zuckertüte, war wohl die leckersten Sachen die jemals in einer Zuckertüte waren?
Jedenfalls waren da Saftplätzchen und auch selbst gekochte Bonbon drin und viele Dinge mehr, alle zum Aufessen.
Die alten Lehrer, sie waren ausnahmslos in der NSDAP gewesen, war keiner mehr da.
Mein Lehrer war Herr Neuholz aus Kröllwitz vom Hohen Weg, er kam aus italienischer Gefangenschaft. Er musste in der Po Ebene auf dem Land arbeiten. Es erste Mal hörte ich von ihm die Begriffe Pizza, Polenta und Pasta.

Unser Geografie Lehrer, Herr Theile, kam aus dem KZ Buchenwald. Er erzählte nichts oder nicht viel, war aber ein exzellenter Lehrer. Wir waren ja in die 6.Klasse gekommen und fingen mit der Geografie von Nordamerika an. Wir behandelten das Gebiet der 5 großen Seen, des Ontario-, Erie-, Michigan-, Oberer- und des Huronsees.
Der Saaleübergang bei Giebichenstein war des Lehrers Neuholz Hobby und wir mussten Aufsätze über Aufsätze und Diktate darüber schreiben. Er machte das auch so in den anderen Klassen, die er noch unterrichtete. Ich hatte zwar immer eine 2, Einsen gab es nicht in jener Zeit, denn man hatte die Auffassung, eine 1 gehört dem lieben Gott, eine 2 dem Lehrer und dann erst kommen die Kinder dran.
Also, eine 2, damals, war ja kaum zu fassen. Doch eines Tages hatte ich genug von dem ewigen Thema des Saaleüberganges. Es fiel mir ein, mein Bruder Willy hatte ja auch diesen Lehrer und war drei Klassen vor mir. Also mal nachgeschnuppert, als er nicht da war, was er so für eine Note hatte.
Eine Zwei fand ich. Also ruck zuck abgeschrieben. Noch heute weiß ich, wie ärgerlich ich war, da ich nur eine 3 bekam für buchstabengetreuen Willy Aufsatz, für den der gleiche Lehrer eine 2 gegeben hatte.
Nie wieder schrieb ich etwas ab.
In diese Zeit viel auch das Ereignis, wie der Rote Dieter die Bruchrechnung lernte.
Wie der Rote Dieter das Bruchrechnen lernte
Langweilig war die Schule mal wieder, jeder konnte aus einem Ganzen 6/6 machen. Jeder konnte Brüche multiplizieren und dividieren, mal nehmen und teilen, sagten wir damals.
Der Rote Dieter konnte nichts, absolut nichts mit dem Begriff Bruch anfangen. Also wurde wiederholt bis zum Geht- Nicht -Mehr, der letzte, auch der Rote Dieter sollte es können, war dem Lehrer Neuholz sein Standpunkt. Der Rote Dieter hieß Roter Dieter, weil er feuerrote Haare hatte und er musste ja unterschieden werden von den anderen Dietrichen, die es mehrere gab in unserer Klasse.
Der Dieter war nicht dumm und der Lehrer mochte ihn durchaus. Es war ein pfiffiges Bürschchen, konnte und lernte jeden Unfug im Nu. Die Bruchrechnung, so schien es, wollte nicht rein in seinen Kopf.
Noch heute sehe ich es plastisch, der Lehrer hatte immer wieder das gleiche gesagt, versucht dem Dieter es bei zu bringen, nichts, kein Erfolg. Da auf einmal rastete der Lehrer aus, weißer Schaum stand ihm vorm Munde. Er packte den Dieter mit beiden Händen an den Schultern und schüttelte den wie verrückt und brüllte dabei:" Mensch, Dieter, durch 4 telen sollst de, durch 4 delen iss jemeend wemmer sagt ein viertel!" Noch mal schüttelte er den Dieter und brüllte noch lauter: "Du Riesenrindviech, merge dich dass durch 4 delen!"
Erschöpft lies der Lehrer Neuholz vom Roten Dieter ab und wischte sich den Schaum vom Munde, wir waren mucks Mäuschen still, so hatte uns der Vorfall alle schockiert.
In diese Ruhe sagt doch der Rote Dieter ganz ruhig: " Herr Neuholz, issen das bei ä achtel ooch so und bei ä neintel?"
"Freilich Dieter, sagte der Lehrer nun schon etwas beruhigt, klar ist genau so."
Meinte der Rote Dieter ganz beleidigt: " Herr Neuholz, das hätten sie aber schon vor eine paar Tagen sagen können, das ist doch so einfach."
Von Stunde an konnte der Rote Dieter die Bruchrechnung.






Ein Streich des Roten Dieters sei noch erwähnt.
Des Roten Dieters Vater hatte am Galgenberg einen Schrebergarten mit einer gemauerten Laube. Man kannte und sagte damals noch nicht das Wort Bungalow und sagte es auch nicht zu einer Gartenlaube.
Der Dieter hatte Freunde in seines Vaters Garten geladen. Jemand kam auf den Gedanken“ Ausräuchern“ zu spielen. Im Herd wurde ein Feuer angezündet. Als alles richtig durchgebrannt war legte man alte Teerpappe, nasses Gras, eben alles was so richtig Qualm entwickelte auf die Glut. Einer stieg auf das Dach und deckte den Schornstein ab mit einer Gehwegplatte. Der Qualm, richtig zähe und stinkig schlug zurück in die Laube.
Nun musste darin immer einer nach dem anderen darinnen aushalten. Wenn er nicht mehr konnte, kam er heraus. Einer hatte eine Taschenuhr nach der die Zeit gemessen wurde.
Jedes Spiel hört mal auf, so auch hier. Doch wie sah die Laube aus? Man kann es sich vorstellen, nicht mehr wohnlich, so empfand selbst der Rote Dieter. An den Vater mochte er gar nicht denken, wie der reagieren würde, konnte er sich lebhaft vorstellen.
Also, so dachte der Dieter, der Vater darf gar nicht erst auf den Gedanken kommen, dass er selbst an der Unordnung beteiligt war. Es konnten ja auch die Russen gewesen sein. Diese hatten schon manchen Garten heimgesucht und waren nicht zimperlich umgegangen beim Klauen von Obst und Gemüse. Nur der Garten war ja in Ordnung.
Deshalb wurde dieser mit Hilfe aller Freunde schnell verwüstet. Beerensträucher wurden abgebrochen, Beete zertrampelt, Werkzeuge herumgeschmissen und Vieles mehr.
Damit aber für jeden Fall der Vater doch nicht auf einen anderen Gedanken kommen könnte, so dachte der Rote Dieter, werde ich etwas an die Tür schreiben.
Er hatte immer Kreide in der Hosentasche. Niemals hätte er welche gekauft. Die stahl er aber in der Schule.
So schrieb der Dieter an die Tür der Laube: „Vater die Russen waren es!“

Ich erinnere mich noch gut, dass der Rote Dieter eine Woche lang nicht zur Schule kam.
Er konnte nicht kommen. Sein Vater hatte den Garten besucht, gelesen was an der Tür stand, wutentbrannt nach Hause gelaufen und sich den Dieter vorgenommen.

Der Dieter hatte nicht es erste Mal Dresche vom Vater bekommen. Mir hat er erzählt, es sei fürchterlich gewesen, mit einem Knüppel hat er mich geschlagen. Er zog die Hose herunter und ich sah, dass noch nach einer Woche sein Allerwertester in allen Regenbogenfarben leuchtete.
„Sage mal“, fragte mich der Rote Dieter, „wie konnte eigentlich mein Vater wissen, dass ich dies angeschrieben habe und dabei war bei der Verwüstung des Gartens?“
 
Als die Russen in Halle einzogen habe ich das auf der Merseburger Str. in Halle gesehen. Sie fuhren auf, mit Stroh ausgelegten, Panjewagen. Ich erinnere mich, dass sie auf dem Zerrwanst spielten. Im Gegensatz zu den Amis, die gerade abgezogen waren, sahen sie recht schlimm aus. Ja, Schnaps war sehr wichtig. Eines Tages Ende 45 kamen 2 Russen in den Laden meiner Mutter (Tante Emma Laden) und wollte einen Zentnersack Erbsen gegen Schnaps tauschen, nachdem meine Mutter in den Sack geschaut hat, war das Geschäft gemacht. Es waren keine Erbsen, es war grüner Kaffee, damit war die Versorgung von Familie, Freunden und guten Bekannten für eine Zeit gesichert. Das Rösten von Kaffee, so man welchen hatte war recht abenteuerlich, Eigenbautrommel, Pfanne... Wir hatten auch 2 russische Offiziere im Haus, die wohnten zur "Untermiete", die haben uns vor allerhand Unheil bewahrt, so z.B. als ein besoffener Russe meinen Vater erschiessen wollte, oder als eine Russenfrau mit eine paar Muschkoten unsere Wohnung ausräumen wollte. Meine Mutter hatte die Telefonnummer der Offiziere auf der Kommandantur und das hat öfter geholfen. Da gäb es noch eine ganze Menge zu erzählen.
 
Mein Schwiegervater hat mir eine Anekdote erzählt:
Als 1945 die Russen in Purkersdorf einmarschierten und betrunken wild in die Luft schossen, wollte ein besonders neugieriger Purkersdorfer aus dem 2. Stock runterschauen und sehen, was da los ist.
Partout wurde er von einer verirrten Kugel im Kopf getroffen und war sofort tot.
 
Die Geschichten "Maschinist kaputt", "Zappzarapp Maschina" und die anschließend berichtete Sache mit dem Fahrrad waren Wandersagen, "Urban Legends" der ersten Nachkriegszeit. Ich habe ganz woanders gewohnt, in Babelsberg (zwischen Potsdam und Berlin); dort wurden sie ebenfalls erzählt (und eine vierte Geschichte dieser Art) – samt Angabe, wo genau in Babelsberg sich das ereignet habe, um den Wahrheitsgehalt zu bekräftigen.
 
Bei uns im bergischen waren ja die Amis und ich weiß, das mein Großvater (Fabrikant, und Jagtbesitzer) gezwungen wurde, seine Jagdwaffen eigenhändig auszugraben, welche er Tage zuvor von 2 Zwangsarbeitern seiner Fabrik hat vergraben lassen. Dabei hat er sich immer um seine Leute gekümmert. Hat von befreundeten Bauern Essen besorgt und ist dafür, mit seinem Auto, bis nach Hessen gefahren. Undank ist der Welten Lohn.
 
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